Mit Multitasking den Verstand verlieren?
Mittwoch, 10. Juni 2009 12:00 |

»Wir werden mit dem gleichen Gehirn geboren wie die Steinzeitmenschen vor 40.000 Jahren. Ungleich höher als damals ist jedoch die Menge und Komplexität der Informationen, die auf uns einströmen. Wer in einem Büro arbeitet, ist im Schnitt jede dritte Minute einer Unterbrechung ausgesetzt; auf dem Bildschirm eines Computers sind durchschnittlich acht Fenster gleichzeitig geöffnet. Kein Wunder also, wenn wir zuweilen das Gefühl haben, dass unser Fassungsvermögen nicht wirklich ausreicht.« Soweit ein Zitat aus dem Klappentext des bei Beck erschienenen Sachbuchs »Multitasking« des Autors Torkel Klingberg.
Professor Klingberg ist weltweit angesehener Neurowissenschaftler am renommierten Karolinska-Institut in Stockholm und beschäftigt sich mit den neurologischen Mechanismen des Konzentrationsvermögens und des Arbeitsgedächtnisses.
Der Untertitel der deutschen Übersetzung »Wie man die Informationsflut bewältigt ohne den Verstand zu verlieren« trifft den Ton des Buchs besser als das schwedische Original »Den översvämmade hjärnan«. Der Autor will beruhigen und schreibt entsprechend entspannt. Mühelos lesbar und unterhaltsam sind seine Berichte aus der Forschung; die Studien sind mit Anekdoten aus dem Alltag erfrischend angereichert. Das Buch ist kein Ratgeber, auch wenn es den Eindruck erweckt. Professor Klingberg begegnet dem Problem der Überlastung durch Informationsüberfluss mit der ur-amerikanischen Philosophie »Problem erkannt – Gefahr gebannt.« Macht euch keine Sorgen, will er uns beruhigen, das Hirn passt sich an. Nachhelfen kann man mit Übungen zum Gedächtnistraining, die Herr Professor, nebenbei bemerkt, professionell vermarktet. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Immerhin, das Thema trifft den Nerv und die Angst des modernen Menschen. Die Angst, im Ozean der E-Mails und Twitter-Rufe den Kopf nicht mehr über Wasser halten zu können, die Angst, in den Fluten der Information abzusaufen, den Leistungsanforderunen nicht mehr gerecht zu werden, nicht mehr Herr über sein Leben zu sein. Früher oder später fragt sich so mancher, ob er noch alle Latten auf dem Zaun hat. Klingberg mahnt zur Entspannung und empfiehlt ein gewisse Distanziertheit. Wer die Herausforderung sportlich nimmt, sei weniger gestresst und bleibe souverän. Im übrigen nennt auch er die einschlägigen Tipps: Reize vermindern, Arbeitsanweisungen eindeutig formulieren, Grenzen setzen usw. Dann muss man den Nachwuchs – oder sich selbst – auch nicht mit Amphetamin-Substanzen wie Ritalin traktieren.
(Siehe auch: »Multitasking ist eine Illusion«)





Montag, 15. Juni 2009 12:44
Die Tipps hören sich tatsächlich an, wie aus einem Erziehungsratgeber. ;-) Ich bin dafür, dass die Wissenschaft mal ganz neue und andere Tipps entwickelt!
(PS: Ganz so einfach ist das mit dem Ritalin übrigens nicht … aber das nur am Rande dahinkommentiert)
Montag, 15. Juni 2009 15:38
Liebe Susi,
ich weiß, dass Ritalin auf Kinder anders wirkt als auf Erwachsene. Den Hinweis habe ich trotzdem von Autor des Buches übernommen - weil es grundsätzlich nicht ganz falsch ist, dass Medikamentenmissbrauch oftmals durch “ungeordnete” Abläufe (Tages-, Arbeits- oder Lebens-) ausgelöst wird.
Montag, 15. Juni 2009 17:50
Ritalin wirkt ja ganz unterschiedlich: Bei “normalen” Menschen euphorisierend, bei Menschen mit ADHS konzentrationssteigernd. Im ersten Fall bekommt man dieses Medikament ja gar nicht (fällt ja sogar unters Betäubungsmittelgesetz) und wenn doch, würde es ja das komplette Gegenteil von “reinzmindernd” bewirken. Im zweiten Fall braucht man es, weil der normale Reizfilter schon in Alltagssituationen fehlt.
Von daher finde ich die Aussage des Autors relativ undifferenziert und auch inhaltlich sehr unreflektiert.
Montag, 15. Juni 2009 17:56
Äh. ;-) Was ich eigentlich sagen wollte, war: Wie Ritalin wirkt, hängt nicht am Alter (es gibt ja auch Erwachsene mit ADHS, die ebenfalls mit Ritalin behandelt werden), sondern am Vorhandensein einer Störung.
Montag, 15. Juni 2009 18:10
Ich denke, der Autor wollte auf den Einsatz von Ritalin als Stimulanz hinaus (um eben auf Überforderung mit gesteigerter Leistungsfähigkeit zu reagieren). Die unterschiedliche Wirkung auf Kinder und Erwachsene - nämlich die genau gegenteilige Wirkung - ist durch Studien belegt. Bekannt ist bei Erwachsenen die Überdosierung zur Leistungssteigerung.
Mit dem sogenannten Multitasking hat dieses Thema aber nur am Rande zu tun. Zum Abschluss noch ein Link: http://www.wdr.de/tv/quarks/sendungsbeitraege/2009/0127/005_adhs.jsp
Montag, 15. Juni 2009 18:40
Leistungssteigerung - bei gesunden Erwachsenen mag das so sein (Euphorie wirkt ja auch leistungssteigernd). Dass Ritalin bei ADHS-Erwachsenen anders wirkt als bei Kindern, halte ich für ein Gerücht. Ich habe auch nichts entsprechendes im Netz gefunden, schon gar keine Studien.